Gedichte

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Ozymandias

57, Männlich

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Re: Gedichte

von Ozymandias am 18.06.2010 15:29

Zweierlei Kampf ums Dasein

„Im Kampfe ums Dasein der Beste siegt,
Und der verdient’s, der unterliegt, --
Dass das Geschlecht veredeln kann
Mit stärkeren Kindern der stärkere Mann.“

Ja, solchen Kampf, den möcht ich auch,
Doch unter uns heutgen ist andrer Brauch:
Nicht Kampf von Mann gibt’s gegen Mann,
Dass Kraft an Kraft sich messen kann –
Der Gegner nicht, sein Hausknecht droht
Und schlägt dich mit einem Geldsack tot,
Oder ein Herrchen putzt aus dem Versteck
Dich mit der goldenen Kugel weg.
Aber sie werden sich weiter erfrechen
Von Darwinschem Kampfe ums Dasein zu sprechen.

Ferdinand Ernst Albert Avenarius

Das Leben ist ein langer Gang mit sehr vielen Türen, man braucht nur den richtigen Schlüssel.
            

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Ozymandias

57, Männlich

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Re: Gedichte

von Ozymandias am 18.06.2010 15:26

Der Geldsack

Ob ihr einen König habt
heuer zum Regenten,
oder ob ihr seid begabt
mit dem Präsidenten,
habt ihr Konstitution
oder habt ihr keine:
Einer sitzet auf dem Thron,
und hernieder voller Hohn
blicket er, dieser Eine-
der Geldsack, der Geldsack!

Könige wurden oft gestürzt,
abgeknickt wie Reiser,
und das Leben gar gekürzt
manchem mächtigen Kaiser:
Keine Revolution
jemals aber keine
stürzte diesen noch vom Thron,
höher als ein Göttersohn
dünkt sich dieser Eine-
der Geldsack, der Geldsack!

Doch es kommt, es kommt die Zeit,
wo auch er muss fallen,
ja, die Stund' ist nicht mehr weit -
seht euch vor, Vasallen!
Eine Revolution
werden wird's wie keine,
wenn entsagen muss der Kron,
wenn er herunter muss vom Thron
endlich dieser Eine-
der Geldsack, der Geldsack

Adolf Schults

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Ozymandias

57, Männlich

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Re: Gedichte

von Ozymandias am 18.06.2010 15:25

Den Toten der Revolution

Todgeweihte Leiber
trotzig gestemmt
Wider den Bund
der rohen Bedränger,
Löschte Euch Schicksal
mit dunkler Gebärde.
Wer die Pfade bereitet,
stirbt an der Schwelle,
Doch es neigt sich vor ihm
in Ehrfurcht der Tod.

Ernst Toller

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Ozymandias

57, Männlich

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Re: Gedichte

von Ozymandias am 18.06.2010 15:24

Revolution

"Es wird schon gehn!" ruft in den Lüften
Die Lerche, die am frühsten wach;
"Es wird schon gehn!" rollt in den Grüften
Ein unterirdisch Wetter nach.
"Es geht!" rauscht es in allen Bäumen,
Und lieblich wie Schalmeienton:
"Es geht schon!" hallt es in den Träumen
Der fieberkranken Nation.

Die Städte werden reg’ und munter,
"Es geht!" erschallt’s von Haus zu Haus;
Schon steigt der Ruhm in sie hinunter
Und wählt sich seine Kinder aus.
Die Morgensonne ruft: "Erwache,
O Volk, und eile auf den Markt!
Bring auf das Forum deine Sache!
Im Freien nur ein Volk erstarkt!

Trag all dein Lieben und dein Hassen
Und Lust und Leid im Sturmesschritt,
Dein schlagend Herz frei durch die Gassen,
Ja bring den ganzen Menschen mit!
Lass strömen all dein Sein und Denken
Und kehr’ dein Innerstes zu Tag!
Die Kindheit braucht dich nicht zu kränken,
Wenn du ein Kind von gutem Schlag!"

Die Morgensonne ruft: "Erwache!"
Klopft unterm Dach am Fenster an;
"Steh auf und schau’ zu unsrer Sache,
Sie geht, sie geht auf guter Bahn!
Ich lege Gold auf deine Zunge!
Ich lege Feuer in dein Wort!
So mach’ dich auf, mein lieber Junge,
Und schlag dich zu dem Volke dort!"

Er eilt, und es empfängt die Menge
Ihn hoffend auf dem weiten Plan;
Stolz trägt sein Kind des Volks Gedränge
Zur Rednerbühne hoch hinan.
Nun geht ein Leuchten und Gewittern
Aus seinem Mund durch jedes Herz;
Durch goldne Säle weht ein Zittern -
Es wird schon gehn, schon fliesst das Erz.

Wie eine Braut am Hochzeitstage,
So ist ein Volk, das sich erkennt;
Wie rosenrot vom heissen Schlage,
Vom Liebespuls ihr Antlitz brennt!
Zum ersten Mal wird sie es inne,
Wie schön sie sei, und fühlt es ganz:
So stehet in der Freiheitsminne
Ein Volk mit seinem Siegeskranz.

Doch wenn es nicht von Güte strahlet
Wie eine hochbeglückte Braut,
So ist sein Lohn ihm ausgezahlet
Und seine Freiheit fährt ins Kraut.
Ein böses Weib, ein gift’ger Drache
Und böses Volk sind all’ ein Fluch,
Und traurig spinnt die beste Sache
Sich in ihr graues Leichentuch!

Gottfried Keller

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Ozymandias

57, Männlich

Moderator

Beiträge: 1030

Re: Gedichte

von Ozymandias am 18.06.2010 15:22

Die Revolution

Und ob ihr sie, ein edel Wild, mit euren Henkersknechten fingt;
Und ob ihr unterm Festungswall standrechten die Gefangne gingt;
Und ob sie längst der Hügel deckt, auf dessen Grün ums Morgenrot
Die junge Bäurin Kränze legt - doch sag ich euch: Sie ist nicht tot!

Und ob ihr von der hohen Stirn das wehnde Lockenhaar ihr schort;
Und ob ihr zu Genossen ihr den Mörder und den Dieb erkort;
Und ob sie Zuchthauskleider trägt, im Schoß den Napf voll Erbsenbrei;
Und ob sie Werg und Wolle spinnt - doch sag ich kühn euch: Sie ist frei!

Und ob ihr ins Exil sie jagt, von Lande sie zu Lande hetzt;
Und ob sie fremde Herde sucht, und stumm sich in die Asche setzt;
Und ob sie wunde Sohlen taucht in ferner Wasserströme Lauf -
Doch ihre Harfe nimmermehr an Babels Weiden hängt sie auf!

O nein - sie stellt sie vor sich hin; sie schlägt sie trotzig, euch zum Trotz!
Sie spottet lachend des Exils, wie sie gespottet des Schafotts!
Sie singt ein Lied, daß ihr entsetzt von euren Sesseln euch erhebt;
Daß euch das Herz - das feige Herz, das falsche Herz! - im Leibe bebt!

Kein Klagelied! kein Tränenlied! kein Lied um jeden, der schon fiel;
Noch minder gar ein Lied des Hohns auf das verworfne Zwischenspiel,
Die Bettleroper, die zur Zeit ihr plump noch zu agieren wißt,
Wie mottig euer Hermelin, wie faul auch euer Purpur ist!

O nein, was sie den Wassern singt, ist nicht der Schmerz und nicht die Schmach -
Ist Siegeslied, Triumpheslied, Lied von der Zukunft großem Tag!
Der Zukunft, die nicht fern mehr ist! Sie spricht mit dreistem Prophezein,
So gut wie weiland euer Gott: Ich war, ich bin - ich werde sein!

Ich werde sein, und wiederum voraus den Völkern werd ich gehn!
Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd ich stehn!
Befreierin und Rächerin und Richterin, das Schwert entblößt,
Ausrecken den gewalt’gen Arm werd ich, daß er die Welt erlöst!

Ihr seht mich in den Kerkern bloß, ihr seht mich in der Grube nur,
Ihr seht mich nur als Irrende auf des Exiles dorn’ger Flur -
Ihr Blöden, wohn ich denn nicht auch, wo eure Macht ein Ende hat:
Bleibt mir nicht hinter jeder Stirn, in jedem Herzen eine Statt?

In jedem Haupt, das trotzig denkt? das hoch und ungebeugt sich trägt?
Ist mein Asyl nicht jede Brust, die menschlich fühlt und menschlich schlägt?
Nicht jede Werkstatt, drin es pocht? nicht jede Hütte, drin es ächzt -
Bin ich der Menschheit Odem nicht, die rastlos nach Befreiung lechzt?

Drum werd ich sein, und wiederum voraus den Völkern werd ich gehn!
Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen wer ich stehn!
’s ist der Geschichte eh’rnes Muß! Es ist kein Rühmen, ist kein Drohn -
Der Tag wird heiß - wie wehst du kühl, o Weidenlaub von Babylon!

Ferdinand Freiligrath, 1851

Das Leben ist ein langer Gang mit sehr vielen Türen, man braucht nur den richtigen Schlüssel.
            

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ella-ella
Gelöschter Benutzer

Re: Gedichte

von ella-ella am 18.06.2010 07:09

Die Nacht holt heimlich

Die Nacht holt heimlich
durch des Vorhangs Falten
aus deinem Haar
vergessenen Sonnenschein.

Schau,ich will nichts,
als deine Hände halten
und still und gut
und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir,
bis in Scherben
den Alltag sprengt;
sie wird so wunderweit;

An ihren morgenroten
Molen sterben
die ersten Wellen
der Unendlichkeit.

Rainer Maria Rilke

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steveee

54, Männlich

Beiträge: 79

Re: Gedichte

von steveee am 17.06.2010 19:09

Ja in der Tat ,damit können sich viele Menschen identifizieren .;-)

Grüssle steveee

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sally

47, Weiblich

Beiträge: 331

Re: Gedichte

von sally am 17.06.2010 19:05

Schön!.....geht einem nahe.

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steveee

54, Männlich

Beiträge: 79

Re: Gedichte

von steveee am 17.06.2010 18:53

…ES WAR EINMAL EIN HERZ...

das schlug 100.000 Mal am Tag -
nicht mehr und nicht weniger.
Es schlug nun einmal soviel wie es nötig war.
Das Herz war nicht von der gleichen feuerroten Farbe
wie all die anderen Herzen,
sondern besaß nur ein schwaches blass rosa.
Das schlimme war,
dass es mit der Zeit immer mehr an Farbe verlor.
Der Lebenskampf hatte es geschwächt
und obwohl es noch nicht sehr alt war,
hatte es schon viele Falten.
Eines Tages war es auf die Idee gekommen
einen Verschlag um sich zu bauen.
So suchte es den härtesten Stein für die Wände,
dass massivste Holz für das Dach
und den stärksten Stahl für die Tür.
Nur so, dachte das Herz, konnte niemand mehr hinein
zu ihm und es verletzen -
niemand konnte es mehr zerreißen.
Endlich war es sicher.
Nun saß das kleine Herz in seinem Verschlag,
lugte hinaus durch die Fugen im Stein
und hörte über sich das knacken des Holzes.
Es ist ziemlich dunkel und kalt dachte sich das Herz.
Aber es schloss einfach die Augen
und tat was es immer tat - schlagen.
- 100.000 Mal am Tag.
Vor lauter Langeweile zählte das Herz jeden Schlag mit,
bis es ihm überdrüssig wurde.
So vergaß es manchmal einen Schlag zu tun.
Das Herz fragte sich,
was es überhaupt noch für einen Sinn hatte zu schlagen.
Was das Herz vergessen hatte war,
dass es sich zwar in Sicherheit vor allem Bösen befand,
es niemand mehr verletzen und enttäuschen konnte,
dass aber auch niemand mehr hineinkommen würde,
der mit ihm lachen täte,
jemand der Purzelbäume mit ihm schlagen würde
und es wärmte.
Nach einiger Zeit fing das Herz an darüber nachzudenken.
Es merkte einen fatalen Fehler begangen zu haben.
Mit aller Kraft versuchte es die Stahltür aufzudrücken,
doch sie war zu schwer, als das sie sich bewegen ließ.
So begann es gegen die Steinwände zu hämmern,
doch außer, dass sich ein paar Brocken lösten,
passierte nichts. Der Stein war zu gewaltig.
Als es sich am Dach zu schaffen machte,
zog es sich nur einen dicken Splitter zu.
Panikartig saß das kleine Herz
in seinem selbst gebauten Gefängnis
und schlug mindestens doppelt so schnell wie sonst.
Wie konnte es nur den Schlüssel
in all seiner Trauer vergessen?
Das Herz verfluchte sich
für sein elendes Selbstmitleid.
Wie gern würde es sich jetzt
den Stürmen des Lebens hingeben,
sich vor Angst zusammenkrampfen, vor Freude hüpfen,
wenn es nur könnte.
Es schaute durch das Schlüsselloch hinaus in die Welt
und sah die anderen Herzen.
Einige waren blass, so wie es selbst.
Sie schlichen durchs Leben geduckt und allein.
Andere wiederum sprangen in leuchtendem Rot
- Hand in Hand über Stock und Stein,
unerschrocken und gestärkt vom anderen.
Doch was das Herz dann sah ließ es staunen
und es konnte seine Tränen nicht verbergen.
Da lagen Herzen im Staub mit Füßen getreten.
Sie waren weiß und regten sich kaum noch.
Sie schlugen vielleicht noch 20 Mal am Tag.
Niemand kümmerte sich um sie, denn auch sie
hatten einmal den Schlüssel ihres Gefängnisses
so gut versteckt, dass niemand ihn fand.
Da fühlte das Herz zum 1. Mal,
dass es ihm noch gar nicht so schlecht ging.
Noch war es rosa und noch fühlte es etwas.
Es musste nur diesen Schlüssel finden zu seiner Stahltür.
So machte es sich auf die Suche
und probierte alle Schlüssel die es finden konnte.
Es probierte sogar Schlüssel,
von denen es von Anfang an wusste,
dass sie nicht passen würden.
Nach einiger Zeit merkte das Herz,
dass es wieder einen Fehler begangen hatte.
Es war zu unüberlegt, zu krampfhaft an die Sache gegangen.
Es verstand, dass man das Glück nicht erzwingen kann.
Frei ist man nur, wenn man frei denken kann.
Das Herz entspannte sich erst einmal
und beschäftigte sich mit sich selbst.
Es schaute in den Spiegel und begann
sich so zu akzeptieren wie es war,
blass rosa und faltig.
Es spürte eine wohlige Wärme in sich aufsteigen
und eine innere Gewissheit,
dass es auf seine Art und Weise wunderschön war.
So fing es an zu singen, erst ganz leise
und schnurrend und nach und nach immer lauter
und heller, bis es ein klares zwitschern war,
wie das eines Vogels am Himmel.
Durch den hellen Ton
begann der Stein an einer Stelle nachzugeben.
Mit riesengroßen Augen
starrte das Herz auf diese Stelle,
wo ein goldenes Schimmern zu erkennen war.
Das Herz traute seinen Augen nicht.
Da war der Schlüssel,
den es damals mit in den Stein eingemauert hatte.
Das hatte es durch all seinen Schmerz
und Selbstmitleid vergessen
und jetzt wo es den Schlüssel in der Hand hielt,
fiel es ihm wieder ein,
wie es ihm vor all den Jahren so sicher erschien,
ihn nie wieder zu brauchen.
Langsam und voller bedacht den Schlüssel nicht abzubrechen,
steckte das Herz ihn ins Schloss.
Mit lautem gequietsche
schob sich die schwere Stahltür zur Seite.
Das Herz machte einen Schritt nach draußen,
schloss die Augen und atmete tief die frische Luft ein.
Es streckte die Arme aus, drehte und wendete sich,
blickte nach oben und nach unten
und hörte gespannt mal hierhin und mal dorthin.
Das Herz dachte, wie schön das Leben doch sei,
machte einige Hüpf er und begab sich auf den Weg
um Freunde zu finden.
Den 1., den es traf, war ein lustiger Geselle,
der das Leben zum Schießen komisch fand
und über 1000 Freunde hatte.
Nachdem das Herz einige Zeit mit ihm verbrachte,
mit ihm alle erdenklich lustigen Sachen angestellt hatte,
merkte das Herz, dass diesem "Freund" einiges fehlte;
- der Tiefgang. Was war das für ein Freund,
mit dem es nur lachen aber nie weinen konnte?
Mit dem es nur durch "Dick"
aber nie durch "Dünn" gehen würde.
So zog das Herz weiter, allein,
aber reich an einer neuen Erfahrung.
Bis es auf eine Gruppe anderer Herzen stieß.
Es wurde direkt freundlich in ihre Mitte aufgenommen.
Es war ein ganz neues Gefühl von Zugehörigkeit.
Da war nun eine große Gruppe,
wie eine „Familie“ die zusammenhielt,
wo alle gleich waren.
Jeden Morgen standen sie zusammen auf,
tranken den gleichen Tee, aßen vom gleichen Brot
und gestalteten jeden Tag gleich.
Das Herz war glücklich - eine Zeitlang, bis es spürte,
dass auch dies nicht das richtige Ziel sein konnte,
denn auch seinen vielen neuen Freunden fehlte etwas
- die Individualität.
In ihrer Mitte gab es keinen Platz für jemanden,
der Eigenständig war und sein Leben selbst planen wollte.
Also löste das sich das Herz
auch aus dieser Verbindung und genoss sein eigenes Leben.
Es ging über 112 Wege,
um 203 Kurven und 24 Berge und Täler,
bis es an einem Haus ankam,
dass mit Stacheldraht umzogen war.
Aus dem Schornstein quoll Rauch, das hieß,
dass tatsächlich jemand in diesem Haus leben würde.
In einem Haus, das nicht einmal Fenster hatte.
Bei dem Anblick fiel dem Herz ein,
wie es selbst einmal gelebt hatte.
Wie sehr es damals gehofft hatte,
dass jemand ihm helfen würde
und doch niemand sein stummes Flehen erkannt hatte.
Es wusste, dass es ihm aus eigener Kraft gelungen war
und es war sehr stolz darauf.
Aber wie konnte es diesem armen Herzen helfen
aus seinem Verlies zu kommen?
So besorgte sich das Herz eine Drahtschere
und versuchte den Stacheldraht zu durchtrennen.
Aber nach einiger Zeit verließen es die Kräfte.
Auch dieses Herz hatte keine Mühe gespart,
für sich den stärksten Stacheldraht zu finden.
Obwohl das Herz das andere nicht sah
und auch nicht hörte, sondern nur ahnen konnte
was das für ein Herz war,
fühlte es eine starke Bindung zu ihm.
So grub es ein Loch im Boden unter dem Stacheldraht,
um den anderen wenigstens nah zu sein.
So stand es vor seinem Haus,
vor der gleichen dicken Stahltür,
wie einst seiner und begann zu reden.
Tagelang, nächtelang stand es einfach nur da und redete.
Es erzählte von seinem Schicksal.
Erzählte ihm, was ihm alles
in seinem Leben widerfahren war
und es hörte ein Schluchzen hinter der dicken Tür.
Unermüdlich sprach das Herz weiter.
Über die lustigen Sachen,
die es mit seinem 1. „Freund“ erlebt hatte,
über die Wärme, die es bei seiner „Familie“ erfahren hatte
und es vernahm ein leises glucksen von innen.
Erst leise, bis es immer lauter
sich in ein gellendes Lachen verwandelte.
Plötzlich sprach das Herz hinter der Stahltür zu ihm.
Es wollte hinaus zu ihm, und es sehen.
Es wollte mit ihm gehen und mehr mit ihm Lachen und Weinen.
Es wollte sich an seine Schulter lehnen,
sich an es drücken und es nie wieder verlassen.
Das Herz war glücklich endlich so jemanden gefunden zu haben,
aber was sollte es nur tun?
Wie auch bei ihm früher, wusste das andere Herz nicht mehr,
wo es den Schlüssel versteckt hatte.
So faste das Herz den Entschluss loszugehen
um den Schlüssel zu suchen.
Nur wo sollte es anfangen? Es lief ziellos umher,
suchte hinter Büschen, auf Bäumen, tauchte in Seen danach;
fragte alle die seinen Weg kreuzten,
aber niemand wusste Rat und nirgends fand es den Schlüssel.
So ging es mit schwerem Herzen zurück zu der kleinen Hütte.
Krabbelte durch das Loch unterm Zaun
um die schlechte Nachricht zu überbringen.
Doch zu seinem Erstaunen,
fand es die schwere Stahltür geöffnet.
Wie war das möglich gewesen? - dachte das Herz.
Plötzlich hörte es eine freundliche
und liebevolle Stimme hinter sich.
Da sah es ein kleines blass rosa Herz stehen,
mit glühenden Wangen. " Ich habe hier auf dich gewartet "
- sagte das kleine Herz. “
Ich habe erkannt, dass man es im Leben
nur aus eigener Kraft schaffen kann,
aus seinem Gefängnis zu entkommen.
Doch so viel Kraft konnte ich nur durch dich erlangen.
Durch deine Liebe zu mir und meiner Liebe zu dir
habe ich den Schlüssel zur Tür meines Herzens gefunden,
der mir gleichzeitig die Tür meines Verlieses öffnete“.
Sie nahmen sich an die Hand
und gingen von nun an alle Wege gemeinsam,
ihr Herzschlag im gleichen Rhythmus bis an ihr Lebensende.


Fatima (privat)

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steveee

54, Männlich

Beiträge: 79

Re: Gedichte

von steveee am 17.06.2010 18:52

Danke Sally :-) ,
dann liess mal das nächste
LG steveee

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